Susanne Krahe    Meine "blasphemische Exegese"

Home
Zu meiner Person
aktueller Lesestoff
Buchveröffentlichungen
CDs
Robert Geisendörfer Preis
Hörspiele
Radiotermine
Artikel und Beiträge
Vortragstermine
Vortragsthemen
Kontakt
Impressum
Datenschutzerklärung

Cees Veltman in ZGP Heft 1/2002

Blasphemische Exegese?
Die Theologin und Schriftstellerin Susanne Krahe

Jesus umschreibt sie als spastisch Gelähmten mit unkontrollierbarer Zunge, geboren unter medizinisch bedenklichen Umständen. Als Frühgeburt mit schief stehenden Beinen - eine Kostprobe aus dem Band Der defekte Messias. Alternative Passionserzählungen, der im Frühjahr 2002 im Neukirchener Verlagshaus erscheinen wird.

Susanne Krahe will "die historische Wahrheit zugunsten der Aktualität biblischer Texte relativieren". Und so kann es geschehen, dass Jakob "gar nicht so blind war, wie es den Anschein hatte" und dass er "betrogen wurde und es nicht besser verdient hatte", dass nicht nur König Saul, sondern auch andere den "arroganten schwulen Lümmel David" am liebsten mit dem Speer an die Wand gespießt hätten, dass Jesus bestimmt nicht der einzige Überlebende des Kindermords in Bethlehem war, denn dann hätte er "keinen einzigen männlichen Altersgenossen gehabt" und dass Paulus sich entschieden nicht wie ein Christ benahm mit "seinem Geschimpfe und seinen Wutausbrüchen".

Es ist falsch verstandenes Evangelium, wenn man dauernd nur "Liebe deinen Nächsten" wiederholt

Zuhause in Unna bei Dortmund erläutert Susanne Krahe ihr Denken gegen den Strich. "Für mich steht das Kreuz im Evangelium an zentraler Stelle. Aus Furcht davor, dass die Leute aus der Kirche laufen, wird das Kreuz oft in den Hintergrund gedrängt. Die Botschaft des Kreuzes jedoch ist, dass es sich dem Streben nach Konsens und Harmonie widersetzt. Zum Glauben gehört nicht, dass immer Friede und Freude unter den Menschen herrschen und sie stets in allem eins sind. Das Evangelium wird falsch verstanden, wenn man ständig nur 'Liebe deinen Nächsten!' wiederholt. Denn das ist nichts Besonderes. Etwas Besonderes ist es, den Feind zu lieben.

Damit beginnt alles. Im Evangelium wird man ständig mit Streit konfrontiert. Jesus war nicht auf Harmonie aus, sondern hat diese gerade gestört. Die Menschen verlangen nach Konsens, was ja auch seine Berechtigung hat, und dieses Verlangen lässt sich auch in der Bibel nachweisen, denn die Bibel handelt von den Menschen. Aber Jesus war ein Rebell.

Es ist natürlich schwierig, dies zu akzeptieren. Aber das Evangelium ist nun einmal ärgerlich und irritierend. Es lässt sich nicht auf eine theologische Strömung einengen, denn es ist immer auf Gegenkurs. Das ist für mich gerade das Gute und Interessante am Glauben. Ich will keine Norm aufstellen, will nicht sagen, dass wir alle Rebellen werden müssen. Ich gehöre auch nicht zu der Generation, die in Che Guevara ihren Vorbildrebellen sah. Aber für mich sind die Menschen am interessantesten, die nicht in Schwarz-Weiß-Mustern denken. Die Menschen, die einsehen, dass das Leben sehr kompliziert ist und dass niemand ganz und gar gut oder ganz und gar schlecht ist, auch wenn wir eine solche Eindeutigkeit gern hätten. Ein Täter ist immer auch ein Opfer."

[...]

Manchmal erschrecken die Leute vor mir. Christliche Fundamentalisten möchte ich ein wenig aufstören.

Susanne Krahe sagt von sich, dass sie sich "ein wenig als Außenseiterin" fühle. "Heutzutage mehr als früher, natürlich auch, weil ich blind bin. Aber in dieser distanzierten Position geht es mir richtig gut. Es hat ja Vorteile. Es ist wie bei den Grünen früher: immer schön die Anderen kritisieren, so lange man selbst keine Verantwortung trägt. Hätte ich ein kirchliches Amt, könnte ich mich nicht so leicht äußern. Jeder muss seine eigene Position finden und ich habe hart gearbeitet an meinem Profil als Autorin, die versucht Literatur und Exegese miteinander zu verbinden. Ich mache mir wenig Hoffnung auf eine Rezension in einer Literaturzeitschrift, weil meine Arbeiten dort nicht als Literatur, sondern als Theologie betrachtet werden. Aber glücklicherweise denken nicht alle in solchen unangemessenen Kategorien. So habe ich im Juni 2001 den Medienpreis der Evangelischen Kirche, den Robert-Geisendörfer-Preis, für Lisabetha bekommen, eins meiner Hörspiele. Ein Hörspiel, in dem das Wort 'Gott' kein einziges Mal vorkommt. Lisabetha ist eine ganz 'weltliche' Figur und wird dennoch - wie wir alle - von den existentiellen Fragen umgetrieben, die schon die biblischen Autoren bewegt haben."

Ihr Werk "hat nichts mit Blasphemie zu tun, wie man es mir manchmal unterstellt", sagt sie bestimmt. "Es gibt Leute, die sich manchmal vor dem erschrecken, was ich schreibe. Aber das genau möchte ich erreichen. Mit Leuten, die theologisch nicht besonders vorgebildet sind, gehe ich anders um als mit Fundamentalisten, denn gegen Fundamentalismus habe ich etwas. Das sind Leute, die einen tot knutschen, die einen so lieb haben, dass es nicht zu ertragen ist. Sie sind immer froh, lächeln ständig und vergeben dir alles. Diese Menschen möchte ich ein wenig aufschrecken und aufstören. Wenn ich bei denen etwas kaputt machen sollte, würde mir das nicht Leid tun.

Es gibt hoffentlich nicht mehr so viele Leute, die sagen: Wenn du an dies oder jenes in der Bibel nicht glaubst, bist du kein Christ. Denn das ist naiv und fast primitiv. Und doch werde ich oft gefragt, ob ich denn nicht daran glaube, dass Jesus Wunder getan hat. Darauf antworte ich: Warum sollte ich das nicht glauben, aber was habe ich davon? Barthimäus' Heilung von seiner Blindheit können wir nicht erklären. Ich will sie auch ganz und gar nicht in Frage stellen, aber was kann ich für mich und meine Person anderes sagen als: Na und? Es geht in diesem Text nicht um die Heilung und wie diese vonstatten ging, sondern um die Person Jesus. Die Menschen jener Zeit wollten keine Erklärung der Heilungen, denn deren Unerklärbarkeit war für sie nicht das Problem, und wenn sie Jesus danach gefragt hätten, hätten sie keine Antwort bekommen. Nein, sie wollten etwas über Jesus sagen und über die Prophezeiung des neuen Himmels und der neuen Erde, die mit ihm in die Welt gekommen ist. So kommen wir den wesentlichen Fragen näher."

[...]

Über das Unharmonische bei Jesus schreibt Susanne Krahe in ihrem neuen Buch Rahels Rache. Biblische Provokationen. Rahel ärgert sich über Jesus' Selbstbewusstsein. Über die ständige Wiederholung seiner " Ichabersageeuchs ..." "Man mag das mutig von Jesus finden oder unverschämt, brutal und arrogant. Jesus redete polemisch oder wie wir seit der Aufklärung sagen: humoristisch, und damit brachte er die Menschen aus der Ruhe. Wer nur erbauliche Worte in der Bibel sucht, wie die Kirchen es immer getan haben, erkennt diesen Humor nicht."

Von ihrer Theologie her habe sie einen konservativen Hintergrund "mit wenig begeisternden Glaubenserfahrungen", erzählt Susanne Krahe. "Aber ich habe mit großer Freude Theologie in Münster studiert. Ich hätte an der Universität mit Theologie weitergemacht, wenn ich nicht erblindet wäre, was nicht einfach für mich war. Damals habe ich mich nicht mehr mit exegetischen Details der Bibelauslegung, sondern mit den großen Sinnfragen beschäftigt. Schon während meines Studiums habe ich an den Wochenenden an einem Roman über Paulus geschrieben, der fertiggestellt war, bevor ich 1989 plötzlich erblindete. Das war eine ganz andere Form, mit der Bibel umzugehen.

Die Theologie ist ein Mittel, kritisch zu sein: die Welt zu deuten und dabei kritischen Abstand zu wahren. Was theologische Strömungen betrifft, fühle ich mich als Lutheranerin. Die existentielle Theologie von Tillich und Bultmann spricht mich am meisten an. Nicht Barth, aber dieser Unterschied wird nicht mehr so deutlich gemacht. Bultmann ist den Menschen näher, und (lachend) Barth ist näher bei Gott. Im Laufe der Jahre bin ich in meinem Denken immer konkreter geworden, nicht nur wegen meiner Behinderung, sondern auch weil ich älter geworden bin. Was gibt einem der Glaube, wenn man im Leben Probleme hat? Was sind die Themen der Bibel? Diese Themen sind es, die ich zu entdecken versuche. Diese existentiellen Fragen werden zu wenig gestellt. Die Theologie ist mit dem historischen Kontext der Texte beschäftigt, und das ist auch interessant. Aber wir dürfen dort nicht stehen bleiben, sondern müssen weiterfragen."

[...]

Für Susanne Krahe gibt es wenig Helden, aber nach einigem Nachdenken nennt sie doch einen: "Der Theologe Henning Luther, er ist nicht alt geworden. Er hat über das Leben als Fragment geschrieben - gegen das weit verbreitete Ganzheits- und Vollkommenheitsstreben. Ihm zufolge ist die Auferstehung Jesu die Bestätigung der Kreuzigung, nicht deren Überwindung oder Aufhebung. Das halte ich für eine geniale Bemerkung. Das ist eine Theologie, zu der ich ja sagen kann."

Der Artikel erschien am 18. August 2001 in Herformd Nederland, Jg. 57, Nr.33. Übersetzung aus dem Niederländischen von Ulrike von Essen.