Blasphemische Exegese?
Die Theologin und Schriftstellerin
Susanne Krahe
Jesus umschreibt sie als spastisch Gelähmten mit
unkontrollierbarer Zunge, geboren unter medizinisch bedenklichen
Umständen. Als Frühgeburt mit schief stehenden Beinen - eine
Kostprobe aus dem Band Der defekte Messias. Alternative
Passionserzählungen, der im Frühjahr 2002 im Neukirchener
Verlagshaus erscheinen wird.
Susanne Krahe will "die historische Wahrheit zugunsten der
Aktualität biblischer Texte relativieren". Und so kann es
geschehen, dass Jakob "gar nicht so blind war, wie es den Anschein
hatte" und dass er "betrogen wurde und es nicht besser verdient
hatte", dass nicht nur König Saul, sondern auch andere den
"arroganten schwulen Lümmel David" am liebsten mit dem Speer an
die Wand gespießt hätten, dass Jesus bestimmt nicht der einzige
Überlebende des Kindermords in Bethlehem war, denn dann hätte er
"keinen einzigen männlichen Altersgenossen gehabt" und dass Paulus
sich entschieden nicht wie ein Christ benahm mit "seinem
Geschimpfe und seinen Wutausbrüchen".
Es ist falsch verstandenes Evangelium, wenn man dauernd
nur "Liebe deinen Nächsten" wiederholt
Zuhause in Unna bei Dortmund erläutert Susanne Krahe ihr Denken
gegen den Strich. "Für mich steht das Kreuz im Evangelium an
zentraler Stelle. Aus Furcht davor, dass die Leute aus der Kirche
laufen, wird das Kreuz oft in den Hintergrund gedrängt. Die
Botschaft des Kreuzes jedoch ist, dass es sich dem Streben nach
Konsens und Harmonie widersetzt. Zum Glauben gehört nicht, dass
immer Friede und Freude unter den Menschen herrschen und sie stets
in allem eins sind. Das Evangelium wird falsch verstanden, wenn
man ständig nur 'Liebe deinen Nächsten!' wiederholt. Denn das ist
nichts Besonderes. Etwas Besonderes ist es, den Feind zu
lieben.
Damit beginnt alles. Im Evangelium wird man ständig mit Streit
konfrontiert. Jesus war nicht auf Harmonie aus, sondern hat diese
gerade gestört. Die Menschen verlangen nach Konsens, was ja auch
seine Berechtigung hat, und dieses Verlangen lässt sich auch in
der Bibel nachweisen, denn die Bibel handelt von den
Menschen. Aber Jesus war ein Rebell.
Es ist natürlich schwierig, dies zu akzeptieren. Aber das
Evangelium ist nun einmal ärgerlich und irritierend. Es lässt sich
nicht auf eine theologische Strömung einengen, denn es ist immer
auf Gegenkurs. Das ist für mich gerade das Gute und Interessante
am Glauben. Ich will keine Norm aufstellen, will nicht sagen, dass
wir alle Rebellen werden müssen. Ich gehöre auch nicht zu der
Generation, die in Che Guevara ihren Vorbildrebellen sah. Aber für
mich sind die Menschen am interessantesten, die nicht in
Schwarz-Weiß-Mustern denken. Die Menschen, die einsehen, dass das
Leben sehr kompliziert ist und dass niemand ganz und gar gut oder
ganz und gar schlecht ist, auch wenn wir eine solche Eindeutigkeit
gern hätten. Ein Täter ist immer auch ein Opfer."
[...]
Manchmal erschrecken die Leute vor mir. Christliche
Fundamentalisten möchte ich ein wenig aufstören.
Susanne Krahe sagt von sich, dass sie sich "ein wenig als
Außenseiterin" fühle. "Heutzutage mehr als früher, natürlich auch,
weil ich blind bin. Aber in dieser distanzierten Position geht es
mir richtig gut. Es hat ja Vorteile. Es ist wie bei den Grünen
früher: immer schön die Anderen kritisieren, so lange man selbst
keine Verantwortung trägt. Hätte ich ein kirchliches Amt, könnte
ich mich nicht so leicht äußern. Jeder muss seine eigene Position
finden und ich habe hart gearbeitet an meinem Profil als Autorin,
die versucht Literatur und Exegese miteinander zu verbinden. Ich
mache mir wenig Hoffnung auf eine Rezension in einer
Literaturzeitschrift, weil meine Arbeiten dort nicht als
Literatur, sondern als Theologie betrachtet werden. Aber
glücklicherweise denken nicht alle in solchen unangemessenen
Kategorien. So habe ich im Juni 2001 den Medienpreis der
Evangelischen Kirche, den Robert-Geisendörfer-Preis, für Lisabetha
bekommen, eins meiner Hörspiele. Ein Hörspiel, in dem das Wort
'Gott' kein einziges Mal vorkommt. Lisabetha ist eine ganz
'weltliche' Figur und wird dennoch - wie wir alle - von den
existentiellen Fragen umgetrieben, die schon die biblischen
Autoren bewegt haben."
Ihr Werk "hat nichts mit Blasphemie zu tun, wie man es mir
manchmal unterstellt", sagt sie bestimmt. "Es gibt Leute, die
sich manchmal vor dem erschrecken, was ich schreibe. Aber das
genau möchte ich erreichen. Mit Leuten, die theologisch nicht
besonders vorgebildet sind, gehe ich anders um als mit
Fundamentalisten, denn gegen Fundamentalismus habe ich etwas. Das
sind Leute, die einen tot knutschen, die einen so lieb haben, dass
es nicht zu ertragen ist. Sie sind immer froh, lächeln ständig und
vergeben dir alles. Diese Menschen möchte ich ein wenig
aufschrecken und aufstören. Wenn ich bei denen etwas kaputt machen
sollte, würde mir das nicht Leid tun.
Es gibt hoffentlich nicht mehr so viele Leute, die sagen: Wenn du
an dies oder jenes in der Bibel nicht glaubst, bist du kein
Christ. Denn das ist naiv und fast primitiv. Und doch werde ich
oft gefragt, ob ich denn nicht daran glaube, dass Jesus Wunder
getan hat. Darauf antworte ich: Warum sollte ich das nicht
glauben, aber was habe ich davon? Barthimäus' Heilung von seiner
Blindheit können wir nicht erklären. Ich will sie auch ganz und
gar nicht in Frage stellen, aber was kann ich für mich und meine
Person anderes sagen als: Na und? Es geht in diesem Text nicht um
die Heilung und wie diese vonstatten ging, sondern um die Person
Jesus. Die Menschen jener Zeit wollten keine Erklärung der
Heilungen, denn deren Unerklärbarkeit war für sie nicht das
Problem, und wenn sie Jesus danach gefragt hätten, hätten sie
keine Antwort bekommen. Nein, sie wollten etwas über Jesus sagen
und über die Prophezeiung des neuen Himmels und der neuen Erde,
die mit ihm in die Welt gekommen ist. So kommen wir den
wesentlichen Fragen näher."
[...]
Über das Unharmonische bei Jesus schreibt Susanne Krahe in ihrem
neuen Buch Rahels Rache. Biblische Provokationen. Rahel ärgert
sich über Jesus' Selbstbewusstsein. Über die ständige Wiederholung
seiner " Ichabersageeuchs ..." "Man mag das mutig von Jesus finden
oder unverschämt, brutal und arrogant. Jesus redete polemisch oder
wie wir seit der Aufklärung sagen: humoristisch, und damit brachte
er die Menschen aus der Ruhe. Wer nur erbauliche Worte in der
Bibel sucht, wie die Kirchen es immer getan haben, erkennt diesen
Humor nicht."
Von ihrer Theologie her habe sie einen konservativen Hintergrund
"mit wenig begeisternden Glaubenserfahrungen", erzählt Susanne
Krahe. "Aber ich habe mit großer Freude Theologie in Münster
studiert. Ich hätte an der Universität mit Theologie
weitergemacht, wenn ich nicht erblindet wäre, was nicht einfach
für mich war. Damals habe ich mich nicht mehr mit exegetischen
Details der Bibelauslegung, sondern mit den großen Sinnfragen
beschäftigt. Schon während meines Studiums habe ich an den
Wochenenden an einem Roman über Paulus geschrieben, der
fertiggestellt war, bevor ich 1989 plötzlich erblindete. Das war
eine ganz andere Form, mit der Bibel umzugehen.
Die Theologie ist ein Mittel, kritisch zu sein: die Welt zu
deuten und dabei kritischen Abstand zu wahren. Was theologische
Strömungen betrifft, fühle ich mich als Lutheranerin. Die
existentielle Theologie von Tillich und Bultmann spricht mich am
meisten an. Nicht Barth, aber dieser Unterschied wird nicht mehr
so deutlich gemacht. Bultmann ist den Menschen näher, und
(lachend) Barth ist näher bei Gott. Im Laufe der Jahre bin ich in
meinem Denken immer konkreter geworden, nicht nur wegen meiner
Behinderung, sondern auch weil ich älter geworden bin. Was gibt
einem der Glaube, wenn man im Leben Probleme hat? Was sind die
Themen der Bibel? Diese Themen sind es, die ich zu entdecken
versuche. Diese existentiellen Fragen werden zu wenig
gestellt. Die Theologie ist mit dem historischen Kontext der Texte
beschäftigt, und das ist auch interessant. Aber wir dürfen dort
nicht stehen bleiben, sondern müssen weiterfragen."
[...]
Für Susanne Krahe gibt es wenig Helden, aber nach einigem
Nachdenken nennt sie doch einen: "Der Theologe Henning Luther, er
ist nicht alt geworden. Er hat über das Leben als Fragment
geschrieben - gegen das weit verbreitete Ganzheits- und
Vollkommenheitsstreben. Ihm zufolge ist die Auferstehung Jesu die
Bestätigung der Kreuzigung, nicht deren Überwindung oder
Aufhebung. Das halte ich für eine geniale Bemerkung. Das ist eine
Theologie, zu der ich ja sagen kann."
Der Artikel erschien am 18. August 2001 in Herformd Nederland,
Jg. 57, Nr.33. Übersetzung aus dem Niederländischen von Ulrike von
Essen.