Begründung der Jury
Ein weiterer Hörfunkpreis 2001 geht an die Autorin Susanne
Krahe und den Regisseur Gottfried von Einem des Hörspiels
"Lisabetha"
Das Programm wurde von der Hörspiel-Redaktion von Radio Bremen
eingereicht. Verantwortlicher Redakteur: Holger Rink, den ich
hier herzlich begrüßen möchte. Natürlich freuen wir uns immer
auch darüber, wenn ein Intendant seine Preisträger zur Verleihung
begleitet - Herr Dr. Glässgen, auch Ihnen ein herzliches
Willkommen.
Die Erstsendung war am 28. Mai 2000 bei Radio Bremen. Den Preis
nehmen die Autorin Susanne Krahe und der Regisseur Gottfried von
Einem entgegen.
Begründung:
In der Hörspieldramaturgie von Radio Bremen waren zunächst Sabine
Breitsameter und bei der Realisation Holger Rink mit einem
Hörspielstoff befasst, der wesentlich umfangreicher war als die
der Produktion zugrunde liegende Manuskriptfassung. Die von den
Dramaturgen erarbeitete Verdichtung des Textmaterials, die
Beibehaltung oder Streichung von Nebenrollen, ihr konsequentes
Vertrauen auf die Wirkung eines gekürzten und somit höchst
stringenten Textes sind eine redaktionelle Leistung, die die Jury
ausdrücklich hervorheben will.
Das Alter kann listig gemanagt werden, widerspenstig auch oder
mit einer cleveren Mixtur von Tapferkeit und Wehklage. In diesem
Hörspiel beherrscht eine selbstbewusste Frau mit weisem Witz und
offensiver Ironie die Szene: "mit meinen 97 Jahren habe ich das
Sterben verpasst" - meint die Hauptfigur Lisabetha: "na, sicher
habe ich Altersbeschwerden. Aber ich bin daran gewöhnt. Meine
Sonne geht einfach nicht unter...."
Lisabetha macht sich mit scharfem Blick lustig über die Welt, die
sich um die Alten aufbaut und sie fürsorglich einschnürt, gewinnt
pfiffig Abstand vom Betrieb der Seniorenheime, entzieht sich
widerborstig der Herablassung der Aktiven. Sie weiß trotzdem sehr
wohl, was Todesnähe nach 100 Jahren Leben heißt.
Der Alltag des Alters wird von der übrigens erblindeten und dabei
eigentümlich scharfsichtig gewordenen Autorin Susanne Krahe
kurzweilig und schlagfertig erzählt und von dem Regisseur
Gottfried von Einem unterhaltsam und eindringlich inszeniert.
Die Kultur des Hörspiels - ein genuines Element des Radios -
scheint sich, gemeinsam mit dem ganzen Nah- und Begleitmedium
Hörfunk wieder zu beleben und neu zu erstarken. Ihre Kraft
verdankt sie dem dramaturgischem Aufbau und der ungekünstelten
Überzeugungskraft der Stimmen. Eindrucksvoll besonders die
lakonische Weisheit von Gisela Trowe, die der Hauptfigur gleichsam
aus der Seele spricht: In ihr wird die ganze lakonische
Widerborstigkeit der Lisabetha laut. Eine halbe Stunde
unterhaltsame Einübung in unverkrampfte Selbstbehauptung.
- Frau Trowe, wir freuen uns ganz besonders darüber, dass Sie
mit nach Mainz kommen konnten - und wir begrüßen Sie sehr
herzlich -
Der Preis geht an die Autorin Susanne Krahe, die in diesem
Hörspiel, wahrscheinlich mit innerer Konsequenz, dem gesprochenem
Wort und dem Hörsinn eine sensible Aufmerksamkeit widmet - und -
Gottfried von Einem, einer der großen und anerkannt konsequenten,
weil stets dem Stoff vertrauenden Hörspielredakteure in
Deutschland.
Er hat in seiner Inszenierung deklamatorischem Pathos keinen Raum
gegeben; statt dessen läßt er sanft-grimmigen Humor und leise
Zwischentöne zu. So zeigt er in seiner Regiearbeit mit der
brillianten Sprecherin Gisela Trowe einen dynamischen
Entwicklungsprozess fern jeden Klischees - es sind die leisen und
nur hin und wieder zornigen Töne einer durchaus nach außen
gerichteten, sich aber nie aufdrängenden Innerlichkeit, die diese
Produktion vor anderen auszeichnen: Im Sinn einer Authentizität,
die nicht Fiktion sondern Leben widerspiegelt.