Löffel für Löffel
Von Liebe und Hunger: "Die Fütterung" (SWR 2)
Füttern heißt verwöhnen. Es zählt zu den ersten Gunstbeweisen,
die jeder erhält. Deshalb führen Verhaltensbiologen Zeichen der
Zärtlichkeit so gerne auf diese Urszene der Brutpflege zurück. Der
Kuß, heißt es, sei ein symbolischer Leckerbissen. Füttern, ob
buchstäblich oder symbolisch, ist die liebevolle Investition in
einen Menschen, dem Hoffnung gilt: die Hoffnung auf sein
glückliches Heranwachsen oder eine gemeinsame Zukunft.
Was aber, wenn der, der gefüttert wird, keine Zukunft hat? Wenn
Pflege und Zuwendung den Geschmack einer lebenserhaltenden
Maßnahme annehinen? Die Dinge drohen sich zu verwandeIn, Nahrung
in Knebel, Lust in Ekel, Füttern in Abfüttern. Diesen
Veränderungen gilt Susanne Krahes Aufmerksamkeit. Sie hat ihr
Stück als "Hörspiel-Tryptichon" angelegt, und wenn es tatsächlich
ein Gemälde wäre, sähe es ungefähr wie folgt aus:
Die Mitteltafel zeigt eine häusliche Szene in einer Wohnküche und
ist in ihrem Aufbau der Bildtradition der "Verkündigung an Maria"
verpflichtet. Anstelle des Engels tritt von links ein junger Mann
herein, in der Hand eine Aluminiumschale mit einem
Fertiggericht. Am Tisch sitzend erwartet ihn eine ältere Frau. Sie
hat ein Lachsbrötchen' eine Tasse Kaffee und einen Aschenbecher
für ihren Gast bereitgestellt. Die Blicke der beiden führen
aneinander vorbei, jeder scheint in seiner eigenen Sphäre zu
bleiben: Die beiden Szenen auf den Seitenflügeln entsprechen
einander spiegel-bildlich. Ein Kind mit Wasserkopf wird von der
Mutter, ein gelähmter Mann von einer Krankenschwester
gefüttert. Beide haben ihrer Pflegeperson Brei ins Gesicht
gespuckt.
Wegschauen und Spucken sind die beiden Motive, aus denen Susanne
Krahe die Szenenfolge entwickelt hat. Die Mutter stopft den
hilflos aufgesperrten Mund ihres behinderten Kindes, um ihn nicht
sehen zu müssen. Löffel für Löffel nährt sie ihre Hoffnung, daß
sich doch alles zum Guten wenden werde. Die Krankenschwester
schaut ihrem Patienten nicht ins Gesicht und gibt ihm so
Gelegenheit, seine Spuck-Attacken vorzubereiten, in denen der vom
Hals abwärts Gelähmte den letzten noch möglichen Akt der
Selbstbehauptung erfährt. Der Zivildienstleistende weicht der
alten Frau aus und versucht, sie mit einer lustlos zur Schau
getragenen Beschwingtheit auf Distanz zu halten. Sie umgamt ihn
verzweifelt, und nach zähem Ringen gelingt es ihr, ihm auch etwas
zu essen aufzunötigen und die demütigende Situation für einen
Augenblick aufzubrechen.
Regisseur Jörg Schlüter beschwört die beklemmende Atmosphäre des
Stücks durch sparsam eingesetzte Geräusche. Eine Spieluhr klimpert
dissonant wie in einem bösen Traum, und über den Köpfen der
Personen schleift irgend etwas langsam hin und her, wie ein
schweres Beil an einem Pendel. Die Zeit schleppt sich mühsam
voran. Daß die Geduld des Zuhörers dennoch nicht strapaziert wird,
ist nicht zuletzt dem präzisen Schnitt von Jeanette Wirtz-Fabian
zu verdanken, der die Stilisierung der kurzen exemplarischen
Szenen unterstreicht.
Susanne Krahe konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Stück
mit einem zynischen Schwenk ins Spirituelle ausklingen zu
lassen. Am Ende grübelt der "Spucker" über seinen
Schicksalsgenossen, der an ein kleines Holz-kreuz über der
Zimmertür genagelt ist. Diese und andere Randbemerkungen können es
nicht verhehlen: "Die Fütterung" ist ein religiöses
Sittengemälde. Doch das Verdienst des Hörspiels liegt in der
knappen, treffsicheren und unsentimentalen Beschreibung, der es
gelingt, den Schleier eines obligatorischen Mitleids zu zerreißen
und dabei doch keinem der Beteiligten seine Würde zu nehmen.
Frank Kaspar