Der blasse Teint
Selbstgespräch, als Hörspiel getarnt: "Lisabetha" (RB)
"Weißt du, warum tote Menschen so schön sind" Unter uns: Bis
dahin hatte ich geglaubt, wenn das Gesicht einmal vollkommen
entspannt auf dem Schädel liege, dann werde sich ganz von selbst
ein Ausdruck des Friedens einstellen, wie er im Leben einer Hand
voll glücklicher Augenblicke vorbehalten ist. Zum Glück saß die
Frau, die es besser wusste, nur einige Tische entfernt und sprach
so laut, dass nicht nur ihre Freunde, sondern auch die anderen
Gäste des Restaurants etwas dazulernen konnten.
Mit den Toten ist das nämlich so: Wenn es zu Ende geht, zieht ein
Mensch sich allmählich aus seinem Körper zurück. So entsteht ein
Hohlraum, in den göttliche Energie einsickern kann. Der Kopf wird
ieer und beginnt zu leuchten. Das fange schon eine Weile bevor man
sterbe an, strahlte die Frau am anderen Tisch. Sie ist in Indien
und in China gewesen und hat dort Dinge erfahren die Unsere
Schulmedizin uns nicht träumen lässt.
Doch zum Hörspiel: Lisabetha ist siebenundneunzig Jahre alt, und
ihre Umgebung scheint ihr zu verübeln, dass sie noclh immer keine
Anstalteit macht aus ihrem Körper zu verschwinden. Die alte Dame
hat den richtigen Zeitpunkt einfach verpasst. Das Fleisch ist
schwach, aber der Geist will mehr. Lisabetha hat nach wie vor
einen Heißhunger auf Cremeschnitten und schreckliche Angst vor dem
Sterben. Wer bat eigentlich gesagt, dass alte Menscheft dem Tod
gelassener entgegensehen? Das ist eine schöne Geschichte für
Leute, die noch oft genug gesagt bekommen, wie jung sie
aussehen.
Was bleibt zu tun, wenn man sein statistisches Todesdatum weit
hinter sich weiß? Man kann unbarmherzig beobachten, wie die
Mitmenschen, hinter Komplimenten verschanzt, auf Anzeichen von
Schwäche lauern. Man meidet, so gut es geht, die Biotope für
Betagte. Man beginnt in der dritten Person von sich zu reden und
das Alter als Experiment zu betrachten. Lisabetha schickt Briefe
an sich selbst, um sicherzugehen, dass sie nicht von der Außenwelt
abgeschnitten ist. Sie spielt einen Schlaganfall vor, um
herauszufinden, wie lange Freunde, Pflegepersonal und Ärzte
brauchen, um den Schwindel zu bemerken. Sie meidet die Diaabende
im Seniorenheim, für dieses "Wachsfigurenkabinett" hat sie nur
Verachtung übrig. Kurz: Lisabetha hat sich entschieden, eine
"aufmüpfige Alte" zu werden, die einfach nicht sterben will.
In ihrem Innern hat sie dennoch bereits ein bisschen Platz
gemacht und einen Sessel freigeräumt, auf dem der Zuhörer Platz
nehmen kann. Susanne Krahes Hörspiel lud für achtundzwanzig
Minuten zu einem Aufenthalt in Lisabethas Kopf ein. Von der Straße
drangen Worte und Geräusche gedämpft herein. Doch der Gast kam
kaum dazu, sich den Sinnen der Heldin zu überlassen. Ihre innere
Stimme ließ ihm keine Ruhe. Dem ausgreifenden Monolog, in dem
Gisela Trowe als Lisabetha das Fegefeuer der späten Jahre
beschwor, fehlte weder Klarsicht noch Schärfe. In der Enge des
Kopfes klang er dennoch bald hohl. Wer lange genug mit sich selbst
spricht, hat irgendwann immer Recht. Darüber kann man gut
verschwörerisch in sich hineinkichern. Hörer braucht man dazu
keine.
Frank Kaspar