Überzeugend
Susanne Krahe: Symbiose
DLR Berlin So 9.2. 18.35 Uhr
Die bekannte Metapher, daß nur der Speer, der die Wunde schlug,
sie auch zu heilen vermag, formuliert ein Problem, das Susanne
Krahes Hörspiel im doppelten Sinne thematisiert: Nicht nur handelt
es vom Schneiden in den menschlichen Körper, der modernen
Chirurgie, sondern es vollzieht im Medium der Literatur, in der
Reflexion der Verwendung, auch den Heilungsprozeß nach. Es geht um
die subjektive Seite der Transplantationsmedizin, die Geschichte
einer jungen Frau, die lernen muß, mit einer neuen Niere zu
leben. In der aktuellen Debatte um die ehtische und juristische
Verantwortbarkeit von Transplantationen wird diese Dimension
meistens vergessen. Das Hörspiel "Symbiose" arbeitet diesem
Vergessen und Verdrängen auf sensible Weise entgegen, in dem es
dem transplantierten Organ eine Stimme verleiht. Ein paradoxes
Selbstgespräch, in dem sich die Frau mit ihrer neuen Niere wie mit
einem Anderen unterhält und sich ihm befreundet, Verkörperung der
entfremdeten Erfahrung, die die Transplantation bedeutet,
Literatur als Therapie.
Gegen die sachliche Beschreibung des Chirurgen und seiner
wissenschaftlichen Terminologie setzt die Autorin kontrastiv die
Zweifel und Ängste der Betroffenen. Der Arzt spricht von Statistik
"Organpotential", erklärt die Abstoßungsreaktionen und das
Immunsystem; die junge Frau aber denkt über den Toten nach, dessen
Organ sie aufnimmt, und beschreibt die Veränderungen ihres Lebens,
neue Chancen und Freiheiten.
Die Thematik hätte leicht zu Schwulst und Pathos verführen
können, aber Krahe findet den leicht schwebenden Ton der Ironie,
der auch das Groteske der "Symbiose" festhält. Vor allem wenn es
um die wiedergefundene Lust am Essen geht, die kulinarischen
Vergnügungen, die die Niere erlaubt, kommt der Humor zu seinem
Recht. Wenn sich am Ende die Frau mit ihrer Niere auf eine Reise
nach Hawai macht, um dort die neue gewonnene körperliche Freiheit
genießen, ist das fast so etwas wie ein Happy End. Renate
Heitzmann (Regie) hat in die Leerstellen des spannungsreichen
Textes schrille Geräusche eingeblendet, die den leiblich Schmerz
der Operation andeuten, der sich in der Sprache nicht mehr
abbilden läßt. Der cool sachliche Sprachgestus des Arztes
kontrastiert mit der gebrochen-empfindsamen Stimme der Patientin
und den aufmüpfig-ironischen Äußerungen der Niere. Ein nicht nur
aktuell brisantes, sondern auch künstlerisch in jeder Hinsicht
berzeugendes Hörspiel.
21.2.97
Jochen Rack / FK